Warum immer mehr Menschen Urlaub in Deutschland machen - auch schon vor Corona

Urlaub in Deutschland: Warum immer mehr Menschen auf Inlandsreisen setzen


 

Der Tourismus trägt an der globaleren Erwärmung eine größere Schuld als bislang angenommen.

 

„Wir haben die Maßstäbe für Wertigkeit verloren. Jeder glaubt, billig überall hinkommen zu können. In der Tourismusbranche ist aber die Ökonomie selbst ein gutes Argument, denn kurzfristige Sichtweisen nach dem Motto: ‚Wir nehmen mit, was geht‘ verhindern bleibende Wertschöpfung“, sagt Claus-Peter Hutter, hauptberuflich Leiter der Akademie für Umwelt und Naturschutz des Landes Baden-Württemberg und seit Jahrzehnten ehrenamtlich für Naturbewahrung, Umweltvorsorge und Nachhaltige Entwicklung engagiert.

 

Etwa acht Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes wird offenbar durch Urlaubsreisende verursacht.

 

Zu diesem Ergebnis kam vor einigen Jahren eine Forschergruppe um den Physiker Manfred Lenzen von der Universität Sydney in der Zeitschrift „Nature Climate Change“. Bislang wurde davon ausgegangen, dass der Tourismus für höchstens drei Prozent verantwortlich sei. Auch stellten die Autoren ein Wachstum der Tourismusbranche mit rund vier Prozent pro Jahr fest. Das ergab eine Analyse von 160 Ländern. Es wird empfohlen, dass es besser sei, lieber regionale Urlaubsziele anzusteuern und die Möglichkeit von Klimagaszuschlägen auf Flugtickets zu nutzen.

 

Jährlich verreisen insgesamt 84,4 Prozent der Deutschen innerhalb des eigenen Landes.

 

Fast jeder zweite Befragte unternimmt inzwischen Kurzreisen. Doch auch für längere Aufenthalte bleiben viele in Deutschland – nicht erst seit Corona. Jeder dritte gab bereits 2018 an, auch für Reisen, die länger als drei Nächte andauern, das Heimatland zu bevorzugen. 

 

An erster Stelle gaben fast die Hälfte die kurze Anreise als Argument für eine Inlandsreise an. Aber auch das gute Preis-Leistungsverhältnis, die Sprache und Sicherheit spielen eine große Rolle. An zweiter und dritter Stelle folgen der Besuch bei Familie und Freunden sowie Baden, Wellness und Entspannung. Bei Reisenden ab 49 Jahren haben neben dem Besuch von Familie und Freunden die Aspekte Wandern und Kultur einen starken Einfluss auf das Reisen in der Heimat.

 

Die Vorliebe von Inlandsreisen geht mit dem Trend zum Wandern, Spazierengehen und Naturerleben einher.

 

Die Nachfrage nach nachhaltigen Natur- und Urlaubserlebnissen steigt stetig. Noch vor einigen Jahren betraf dies meist internationale Reiseziele - Deutschland wurde bei nachhaltiger Urlaubsplanung bisher kaum wahrgenommen. Das änderte sich in der letzten Zeit. Beispielsweise durch das Projekt „Katzensprung – Kleine Wege. Große Erlebnisse“, das sich zum Ziel gesetzt hat, klimaschonende Reiseangebote in Deutschland bekannter und besser auffindbar zu machen. Im Verlauf des Projekts werden Naturparke aktiv auf ihre touristischen Angebote untersucht und eine Analyse im Hinblick auf ein nachhaltiges Tourismusangebot durchgeführt. Das Projekt wird von der Nationalen Klimaschutzinitiative gefördert.

 

Immer beliebter werden auch kurze Bildungsurlaube mit Nachhaltigkeitsbezug. So besuchten in den letzten Jahren zweimal eine Gruppe Radfahrer, die an der Akademie Frankenwarte Würzburg ein „Fahrradseminar“ belegt hatten, die memo AG, ein ökologisches Versandhandelsunternehmen für Büro-, Haushalts- und Schulbedarf, Möbel und Werbeartikel, in Greußenheim. Nachhaltigkeit wird hier als eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft angesehen. Unter dem Thema „Mobilität, Umwelt und Nachhaltigkeit. Mit dem Fahrrad Realitäten und gesellschaftspolitische Alternativen (er)fahrbar machen“ haben 16 Personen eine Woche lang ihr Wissen erweitert und eigene Handlungsmöglichkeiten reflektiert. Dazu fuhren sie mit dem Fahrrad verschiedene Stationen in der Region ab und informierten sich dort über Möglichkeiten, Nachhaltigkeit in den privaten und beruflichen Alltag zu integrieren. Die Fahrradseminare der Akademie Frankenwarte können in 14 Bundesländern als Bildungsurlaub genommen werden. Arbeitnehmer haben dabei gesetzlich Anspruch auf drei bis fünf Tage Freistellung von der Arbeit unter Fortzahlung des Arbeitsentgelts, um an einem Seminar ihrer Wahl teilzunehmen. Die Akademie Frankenwarte ist ein politischer Lern- und Begegnungsort für Bildungsarbeit (Quelle: memo Nachhaltigkeitsbericht 2019/2020).

 

Im Deutschland-Tourismus gibt es zwar eine Vielzahl von Labeln, aber sie sind vielen nicht bekannt.

 

Deshalb hat der Bundesverband Die VERBRAUCHER INITIATIVE e. V. in der Studie „Anforderungen an Unternehmenszertifizierungen für nachhaltigen Tourismus in Deutschland“ gemeinsam mit dem ZENAT 36 Zertifizierungssysteme auf Grundlage internationaler Richtlinien untersucht und dabei ihre inhaltlichen Ansprüche sowie ihre Transparenz und Prozesse anhand von 69 Kriterien analysiert.

 

Ergebnis: Die meisten Zertifikate werden für Hotels vergeben, seltener für Reiseveranstalter. Lediglich vier Labels (TourCert für Reiseveranstalter und Unterkünfte, Travelife Gold und Green Sign/Infracert) erfüllen über 75 Prozent der strengen Kriterien. Weitere elf erreichten über 50 Prozent. Bei den meisten Zertifikaten werden jedoch zwei Drittel der entsprechenden Kriterien erfüllt – allerdings bleiben die inhaltlichen Ansprüche häufig hinter den Ansprüchen eines nachhaltigen Tourismus zurück. Vor allem soziale Kriterien (z.B. die Zufriedenheit der Mitarbeitenden) werden oft vernachlässigt. Besser steht es im Bereich Umwelt- und Ressourcenschutz, wo das EU Ecolabel und die internationalen Umweltmanagement-Standards EMAS und ISO 14000 weit vorn liegen.

 

Verbraucher, denen eine nachhaltige Lebensweise auch im Urlaub am Herzen liegt, können sich an Zeichen wie dem "TourCert-Siegel" oder "Viabono" orientieren. Besonders umweltschonend geht es in Unterkünften zu, die das "EU-Eco-Label" für Beherbergungsbetriebe und Campingdienste vorweisen. "Bett+Bike"-zertifizierte Unterkünfte sind hingegen speziell auf die Bedürfnisse von Fahrrad-Urlaubern ausgerichtet. Wanderer können bei der Planung ihrer Routen auf das Zeichen "Qualitätsweg Wanderbares Deutschland" achten.

 

Weiterführende Informationen:

 

„Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut.“ Interview mit Claus-Peter Hutter. In: Galore Literatur (Juni 2018), S. 21-23.

 

Klimawandel in der Wirtschaft. Warum wir ein Bewusstsein für Dringlichkeit brauchen. Hg. von Alexandra Hildebrandt. Verlag SpringerGabler, Heidelberg, Berlin 2020.



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