Trotz Corona-Gefahr sehr wenige Kontrollen an deutschen Flughäfen

Deutsche Staatsbürger dürfen die Flughäfen hierzulande nach der Einreise ohne Gesundheitsprüfungen verlassen. Rückkehrer erzählen WELT Beunruhigendes - etwa von Mitreisenden, die trotz Krankheitssymptomen nicht kontrolliert worden seien. Wie kann das sein?

Ein Artikel aus der WELT 

Die seltsam laxen Kontrollen an deutschen Flughäfen


Mit Verwunderung erinnert sich Stella Lorenz an ihre Rückreise nach Deutschland. Die Berlinerin war im Februar nach Sri Lanka gereist, für einen Kuraufenthalt. Als sich das Coronavirus immer weiter verbreitete, brach sie ihre Reise Mitte März ab. Obwohl Sri Lanka damals nur wenige Corona-Fälle gehabt habe, seien die Kontrollen scharf gewesen, erzählt Lorenz am Telefon.

 

Alle Menschen hätten Masken getragen; am Flughafen hätten Wärmebildkameras gestanden. „Wenn ich Fieber gehabt hätte, wäre ich sofort herausgefischt worden“, sagt Lorenz. Ganz anders in Deutschland: „Im Flughafen Frankfurt gab es überhaupt keine Gesundheitskontrollen. Ich bin ausgestiegen und konnte direkt weiterreisen.“

 

Ähnliches berichtet Barbara Deml, die vor zwei Wochen aus Taiwan über Japans Hauptstadt in die Bundesrepublik zurückreiste: „In Taiwan und Tokio gab es an mehreren Durchgangspunkten Fieberkontrollen“, erzählt die Ostasien-Referentin des evangelischen Berliner Missionswerks. „Fast alle hatten Masken auf und trugen Handschuhe.“ Am Flughafen Frankfurt sei sie sehr überrascht gewesen: „Das Gedränge war groß, die Menschen gaben nur wenig aufeinander acht. Ich hatte das Gefühl, dass ich aus einer kontrollierten Situation in eine unkontrollierte gehe.“

 

Keine Einzelfälle: Viele deutsche Staatsbürger, die gerade eilig in die Heimat zurückreisen, zeigen sich verwundert von den „entspannten“ Einreisebedingungen. Mehrere berichten WELT am Telefon, dass sie erstaunt gewesen seien über das Prozedere an den deutschen Flughäfen. Statt dass ihre Gesundheit überprüft wurde, hätten sie einfach aussteigen und zu ihrem Heimatort reisen können. Selbst auf den Rückholflügen, die das Auswärtige Amt gerade für gestrandete Deutsche organisiert, seien die Kontrollen unzureichend. „Ich hatte Mitreisende, die mit Krankheitssymptomen eingestiegen sind“, erzählt eine Jugendliche, die namentlich nicht genannt werden will. „Weder an Bord noch bei der Rückkehr nach Deutschland wurden sie kontrolliert.“

 

Wie kann das sein? Warum wird die Gesundheit von deutschen Heimkehrern bei Wiedereinreise nicht genau überprüft? Wer bei den Bundesministerien nachfragt, wird zunächst auf andere Häuser verwiesen. Das Gesundheitsministerium teilt mit, dass für derlei Informationen das Innenministerium zuständig sei. Dieses wiederum lässt durch einen Sprecher ausrichten, dass für Gesundheitskontrollen die Gesundheitsämter vor Ort zuständig seien. Für alle Fragen zur Rückholaktion möge man sich an das Auswärtige Amt wenden. Das Ressort von Außenminister Heiko Maas (SPD) äußert sich auf Anfrage allerdings ebenfalls zurückhaltend. Nur auf Twitter veröffentlicht der Außenminister eine Zahl: Bereits 187.000 Urlauber seien aus dem Ausland zurückgeholt worden. Ob sie alle gesund sind, steht dort nicht.

 

„Ich finde das unverantwortlich“, sagt Heimkehrerin Lorenz. „In Deutschland wurden alle Schulen geschlossen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Zum gleichen Zeitpunkt bin ich noch völlig unbehelligt in die Bundesrepublik eingereist.“ Insbesondere im Vergleich zu Sri Lanka komme ihr die Situation merkwürdig vor. Schon bei der Einreise im Februar habe sie dort ein umfassendes Formular ausfüllen müssen. „Ich musste sämtliche Aufenthaltsorte der vergangenen zwei Wochen angeben und mitteilen, ob ich in Kontakt mit kranken Menschen war.“ An ein ähnliches Formular in Deutschland erinnere sie sich nicht.

 

Tatsächlich wurden die Vorkehrungen in den vergangenen Wochen geändert. Zunächst wurden Informationen nur von Reisenden aus bestimmten Gebieten eingeholt. So mussten Reisende, „die per Flugzeug oder Schiff aus China (inkl. Selbstverwaltungszonen Hongkong und Macao), dem Iran, Italien, Japan oder Südkorea in Deutschland einreisen“, seit Mitte März noch vor Verlassen des Flugzeugs sogenannte Aussteigekarten ausfüllen, auf denen sie Angaben über ihren Aufenthaltsort in Deutschland machten. Hätten die Behörden nachträglich einen Corona-Fall an Bord identifiziert, wären die Mitreisenden entsprechend informiert worden.

 

Diese Regelung wurde am 27. März durch eine neue ersetzt: Per Anordnung hat das Bundesgesundheitsministerium alle Flugunternehmen verpflichtet, allen Reisenden vor der Ankunft in Deutschland einen Informationszettel in die Hand zu drücken. Darauf werden deutsche Heimkehrer angehalten, sich an die Ratschläge des Robert Koch-Instituts zu halten. „Vermeiden Sie Kontakte!“, heißt es dort. „Bleiben Sie 14 Tage zu Hause!“ oder „Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife!“ Flugunternehmen, die Reisende aus Risikogebieten wie der Schweiz, Italien, Spanien oder Frankreich transportieren, sind außerdem verpflichtet, die Daten der Reisenden 30 Tage aufzubewahren. Eine verpflichtende Gesundheitskontrolle aber gibt es weiterhin nicht.

 

„Wer erkennbar krank ist, wird nicht befördert“, teilt ein Sprecher der Lufthansa-Group auf WELT-Anfrage mit. Ob jemand erkrankt sei, prüfe das Bordpersonal aber nur durch Inaugenscheinnahme. Zu Gesundheitskontrollen sei das Personal nicht befugt. Außerdem gebe es Ansagen, beim Boarding und beim Aussteigen auf Distanz zu achten. Das Risiko einer Ansteckung an Bord sei im Übrigen „extrem gering“. Die Luft werde an Bord durch die Klimaanlage gefiltert. Dadurch, dass die Luft vertikal und nicht horizontal fließe, werde das Risiko einer Ansteckung weiter vermindert.

 

Eine Sprecherin des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit erklärt das weitere Prozedere an Land. „Sollte während des Fluges ein Passagier als infektionsverdächtig eingestuft werden oder erkranken, ist der Pilot verpflichtet, dies dem Zielflughafen umgehend zu melden.“ Der Flughafen melde den Vorfall dem medizinischen Dienst. Ein Mitarbeiter gehe nach der Landung an Bord und prüfe, „ob der Passagier medizinische Hilfe benötigt oder ob es sich um einen möglichen Infektionsverdacht handeln könnte“. Könne ein Infektionsfall nicht ausgeschlossen werde, treffe die Behörden-Task-Force Infektiologie Flughafen „weitere gesundheitspolitische Entscheidungen“.

 

Die Behörde stellt fest, dass die verschiedenen Bestimmungen und Maßnahmen „nach Einschätzung der deutschen Gesundheitsbehörden in der Regel zu einer Identifikation von infizierten Passagieren“ führten. „Lediglich symptomfreie Reisende oder Fluggäste, die vor Reiseantritt fiebersenkende Medikamente eingenommen haben, könnten hierdurch nicht ermittelt werden.“ Bei diesen Fluggästen wären dann „aber auch Maßnahmen wie das aufwendige Fiebermessen bei allen einreisenden Passagieren wirkungslos“.

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